1. Generation: Der Jahrgang 62

Als ersten in meiner Reihe der Generationen, habe ich jemanden befragt, der zu unserer Eltern-Generation gehört. Er erzählt von seinen Berufswünschen, seinen Ausbildungsmöglichkeiten und seinen Entscheidungen im Leben, die ihn dahin gebracht haben, wo er heute ist.

Mehr über meine Idee findet ihr hier.

Uwe ist 1962 in Stade geboren. Sein Klassenzimmer war voll mit 35 Schülern. Es gab viele Kinder, denn er gehörte zu den geburtenstarken Jahrgängen, die heute auf die Rente zugehen und unserer Regierung deshalb seit langem Kopfschmerzen bereiten. Von seinem Zuhause musste er ca. 4 km mit dem Rad zur Schule fahren. Es gab eine näher gelegene Schule, die aber einfach zu voll war.

Durch die vielen Mitschüler „ging man leicht unter.“ Uwe hat sich zur Schulzeit für Musik interessiert und wäre im Nachhinein gern Berufsmusiker geworden. Er spielte Gitarre und Schlagzeug. Es gab aber einige Hürden, die ihn davon abhielten, das zu tun, was er wollte. Seine Familie hatte ihn nie zum Musikunterricht geschickt, da kein Geld da war. Letztlich war er nicht konsequent genug, sich ernsthaft beruflich auf die Musik zu verlassen. So fing er nach der Schule eine Ausbildung als Klempner an, weil es einfach nichts anderes gab. Es waren einfach zu viele Bewerber, teilweise ca. 100 auf eine Stelle. Und das in einer Kleinstadt. Er nahm also, was er kriegen konnte, um selbstständig und unabhängig zu werden. Seine Frau lernte er schon zur Schulzeit kennen und schnell war klar, dass sie zusammen bleiben würden. Mit 24 wurden sie zum ersten Mal Eltern.

Uwe wurde nach seiner Ausbildung nicht übernommen. Daher entschied er sich, zum Bund zu gehen und dort über 10 Jahre zu bleiben, weil es ihm sehr gut gefiel. Es herrschte der Kalte Krieg, niemand musste zu Auslandseinsätzen, die DDR existierte noch… Daher konnte er beim Bund eine Ausbildung zum Fahrlehrer machen. Als dann die Mauer fiel und Ost- und Westdeutschland vereint wurden, musste er sich wieder etwas anderes suchen. Er wäre gern Berufssoldat geblieben, aber die Lage hatte sich geändert. Selbstständiger Fahrlehrer wollte er nicht sein, denn er trug die finanzielle Verantwortung für eine kleine Familie. Seine Frau war zuhause bei den Kindern und er musste Geld für sie verdienen. Nachdem klar war, dass er die Bundeswehr verlassen würde, erhielt er eine Abfindung und konnte glücklicherweise nahtlos in einen anderen Beruf einsteigen. In der Region Stade wuchs seit den 70er Jahren die Industrie und einige Firmen siedelten sich hier an. Uwe fand mit Anfang 30 einen Job in einer Chemiefabrik und konnte dort eine neue Ausbildung machen. Später holte er seinen Meister in Chemie nach, um weitere berufliche Möglichkeiten in der Firma zu erlangen.

Das war einerseits eine schöne Sache, da er nun einen festen Job ohne viel Risiko in der Tasche hatte. Andererseits konnte er sich keine Experimente leisten, nicht einfach den Job wechseln oder wegziehen. Er hat relativ früh die Verantwortung für eine Familie übernommen und konnte so nicht seinen Träumen nachjagen. Die Abfindung der Bundeswehr ermöglichte es ihm, ein Haus zu kaufen. Seinen Kindern konnte er immer alle Wünsche erfüllen und ihre Ausbildung finanzieren.

Nun, mit Mitte 50, kann er sich seinen Wünschen wieder widmen und neben dem Job Musik machen. Er hat zwei Schlagzeuge im Keller und spielt in einer Band. Er hört sich noch oft die Platten seiner Jugend an und schwelgt in Erinnerungen. Hätte er selbst mal solche Platten produzieren können?

Es ist oft eine Reihe von Zufällen und kleinen Entscheidungen, die uns dahin bringen, wo wir heute sind. Es ist auf jeden Fall eine große Entscheidung, eine Familie zu gründen und sich und seine Träume zurückzustellen. Diese treffen viele Menschen in ihrem Leben, einige früher, einige später. Ich habe einige Bekannte, die sagen, sie möchten Eltern werden, bevor sie 30 sind. Andere konzentrieren sich eher auf die Karriere. Dadurch, dass die Ausbildung und das Studium teilweise bis Mitte 20 dauert, möchte man dann auch erst einmal Berufserfahrung sammeln und nicht sofort wieder für ein Kind aussteigen. Andere, die sich wirklich für die Kunst oder die Musik entscheiden, kommen vielleicht nie dazu, Kinder zu bekommen. Die Leidenschaft überwiegt und lässt wenig Raum für Einschränkungen. Hätte Uwe sich für diesen Weg entschieden, gäbe es seine Kinder heute wahrscheinlich nicht.

Ich habe mit einigen Personen in diesem Alter gesprochen und viele sind denselben Weg wie er gegangen. Sie mussten die Ausbildung nehmen, die frei war und konnten oftmals nicht das lernen, was sie wollten. Sie fingen relativ früh an zu arbeiten und gründeten mit Mitte 20 eine Familie. Ich habe Respekt vor dieser Einstellung zur eigenen Familie weiß aber nicht, ob ich es so früh gekonnt hätte, meine eigene Entfaltung „einzustellen“. Ich denke, das ist ein großes Thema für uns alle, gerade heute, wo die beruflichen Möglichkeiten so groß erscheinen.

Weitere Portraits folgen in meinen nächsten Beiträgen…

2 Kommentare zu „1. Generation: Der Jahrgang 62

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